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Weltglockengeläut 2003

Über Jahrhunderte wurden in der kleinen Thüringer Stadt Apolda nahe Weimar Glocken gegossenen.


ApoldaerGlockengießerFranzundFranzPeterSchillingNicht für jede lässt sich der Verbleib nachweisen.  Aus den berühmten Gießereien Schilling und Ulrich wurde in alle Welt geliefert. Die in Apolda ansässige Glockenhistorikerin Margarete Schilling aus der gleichnamigen Glockengießerfamilie hat mit ihren international beachteten Publikationen dafür gesorgt, dass auch nach Ende der aktiven Gießertradition in Apolda die Beschäftigung mit den Glocken dort lebendig blieb. Wir danken Frau Schilling für wertvolle Hinweise und für die Genehmigung zum Abdruck von Illustrationen  aus  ihren  Büchern   "Kunst, Erz und Klang" und "Glocken- Gestalt, Klang und Zier". Die  Kulturgeschichte der Glocken lässt sich anschaulich nachvollziehen im Apoldaer Glockenmuseum, das unlängst sein 50. Jubiläum feierte.

Das Apoldaer Weltglockengeläut 2003 bietet Neuerungen zum Vorgängerkonzert 1999: So werden neben den in Apolda gegossenen Glocken auch Glocken anderer Herkunft und Kultur einbezogen, als Ausdruck der Vielfalt an Klängen und Bedeutungen, die den Glocken innewohnt. Dieser Ansatz zeichnet auch das bekannte Glockenmuseum in Apolda aus.


Ein lesenswerter Artikel über das Apoldaer Weltglockengeläut erschien in der TLZ:

Bilder fürs wirre Menschsein Apolda. (tlz)

apoldamark_2003"Hallo, Köln! Hört Ihr uns!" Hallo, Köln, hier ist Apolda." "Hallo, hier ist Apolda ..." Vergebens. Gut zu vernehmen waren zwar die Akteure auf dem Domplatz der rheinischen Metropole, live kommunizieren konnten sie mit Apolda dennoch nicht. Nicht wirklich wichtig war dabei die Tatsache, dass ein Telefonhybrid zwischen Interface und Beschallungsanlage offenbar streikte.Denn gleich mit der zweiten Liveschaltung war Pfarrer Erich Rust am Hörer. Und der saß nicht im Rathaus der Kreisstadt und litt unter tropischen Temperaturen, sondern in seinem Kirchenbüro im winterlichen Windhoek in Namibia, wo es nachts schon mal fünf Grad kalt werden kann.

Den kleinen Anlaufschwierigkeiten zum Trotz: Es gibt kaum eine liebevollere und zeitgemäßere Referenz an die jahrhundertealte Tradition des Glockengießerhandwerks als das Apoldaer Weltglockengeläut. Das Spektakel erlebte am Samstag seine zweite Auflage auf einem übervollen Marktplatz. Und es begeisterte das Publikum, das nicht müde wurde, auf kleinen, vorab verteilten Rohrglocken Grüße in fünf Erdteile zu schicken und als Apoldaer Rohrglockenorchester seine Premiere zu erleben. Von Köln über Namibia, Schweiz und Bali bis in die USA, Australien und Nepal: Live per Telefon wurden die Klänge ganz unterschiedlicher Glocken nach Apolda übertragen, wo Musiker wie Falk Zenker aus Kapellendorf, das Star Sounds Orchestra oder Wolfram der Spyra den Faden aufnahmen, Klangteppiche woben und in Bilder verwandelten, die irgendwo zwischen Meditation, Minimalismus und Neuer Musik anzusiedeln sind.

Den Moderatoren Micky Remann und Lioba Knipping - er ist der LiquidSound-Erfinder und künstlerischer Medientausendsassa, sie ist Chefin bei MDR-Online - oblag es, das weltumspannende Konzert, das live im Internet übertragen wurde, als eine bis in die Gegenwart reichende Konsequenz des Glockengießer-Handwerkes zu erläutern. Von Apolda in die Welt, denn nicht nur der "decke Pitter" im Kölner Dom stammt aus der Kreisstadt, sondern zum Beispiel auch die Kirchenglocke der deutschen Kolonie in Namibia. So bunt die Landkarten, so unterschiedlich die Glocken, von denen allerdings nicht alle in Apolda gegossen wurden: Tempelglocken aus Nepal oder indonesische Holzglocken waren die ungewöhnlichsten Vertreter für westeuropäische Ohren.

Was das Weltglockengeläut letztendlich zu einem Faszinosum macht, ist die Doppelbödigkeit, mit der es auf Zuschauer und Zuhörer einschlägt. So taugt es zum einen als reines Konzerterlebnis, zum anderen aber als schwergewichtiges Gleichnis von Krieg und Frieden, Geburt und Tod. "Mal wurden Glocken in Kanonen umgeschmolzen, dann wieder Kanonen in Glocken. In diesem Bild steckt die ganze Wirrnis des Menschseins zwischen Krieg und Frieden", sagte Remann in einem MDR-Online-Interview über die Wucht der Glocken.

Wie enthusiasmiert die Apoldaer selbst mit stolz geschwellter Bürgerbrust diesem Ereignis beiwohnten, bewies Günter Ramthor. Der frühere Chef der Vereinsbrauerei stand mit einem Bierwagen auf dem Kölner Domplatz und schenkte "Glockenbräu" aus. "Das schmeckt auch besser als Kölsch", meinte prompt Lioba Knipping. Und fast wollte man aufatmen ob der kleinen technischen Probleme, denn die Kölner hätten trotz des vermeintlich harmlosen Satzes kräftig schlucken müssen. "Hallo, Apolda?" Dass Pfarrer Rust mit der Nachricht überraschte, in Namibia gebe es zwei weitere Glocken aus Apolda, lässt auf eine dritte Auflage des Weltglockengeläuts hoffen. Vielleicht dann als mediale Performance im Fernsehen, denn das Konzept ist ebenso einfach wie ausbaufähig und taugt allemal als beste Samstagabend-Unterhaltung in Zeiten harmloser Bim-Bam-Spiele. Waren nicht untätig: Apoldaer Bürger feierten mit vorab verteilten Heizungsrohren als "Apoldaer Rohrglockenorchester" Premiere.

Bis nach Mitternacht verfolgten sie das Weltglockengeläut auf dem Markt.

03.08.2003 Von Thorsten Büker
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